Smart Story #2

„Android ist für mich das Schlimmste.“

Werner B. 

Technik, Telekom und Tango 

Werner B. (65), Marburg

Werner B. hat die Entwicklung des Mobilfunks hautnah miterlebt. Im Funkübertragungsdienst der Bundespost hat er schon die ersten Mobiltelefone geschleppt und das damals noch analoge Funknetz – das C-Netz – überwacht und betreut.

Ich bin ein Zeitzeuge der Technik.

Dann wechselte er in den Großkunden-Vertrieb von T-Mobile und erhielt immer die wichtigsten Handy- und Smartphonemodelle als Vorführgeräte. Dadurch konnte er seiner technischen Neugier nachgehen und ein Gerät auch im privaten Gebrauch benutzen, wenn es ihm für seine Zwecke zusagte. 

Ich hatte die immer bei Markteinführung.

Das Handy allein reichte ihm schon bald nicht aus, sodass er es durch Zusatzgeräte erweiterte. Den Übergang zum Smartphone sieht Werner B. deshalb in den steigenden Anwendungsbedürfnissen im privaten Bereich, die sich dann im Smartphone bündelten und erweiterten. 

Für den Tango to go griff er aber trotzdem auf ein „normales“ Handy zurück, das er damals zeitgleich mit einem iPhone nutzte. Auch heute besitzt er zwei Smartphones, weil das Neue nicht immer ein Fortschritt ist. 

Mobiltelefon Siemens C2, 1988

Mobiltelefon Siemens C2 portable, 1988

Mobiltelefon Siemens C3, 1991

Das waren die ersten portablen Mobiltelefone für das C-Netz. Die gehörten damals zur Dienstausstattung. Das C2 war fest in meinem gelben Post-Passat eingebaut und das C2 portable war auch nicht so wirklich portabel. Es wog bestimmt zehn oder zwölf Kilo. Die Griffe sind teilweise ausgerissen, weil die Koffer so schwer waren. Das C3 konnte man dann schon besser mitnehmen.

Berechtigungskarte für die C-Netz-Überwachung, um 1990

Hauptverwendungszweck der Mobiltelefone war für mich die Netz-Überwachung.

Das C-Netz war ein analoges Mobilfunknetz. Alle Sender mussten deshalb gleichzeitig senden, damit es keine Gesprächsabbrüche gab. Mit Hilfe einer Spezialsoftware und dieser Berechtigungskarte konnte Werner B. die Netzdaten auf dem Display seiner Mobiltelefone ablesen und prüfen. 

“Das war etwas Besonderes, mit dem Mobiltelefon unterwegs zu sein.”

Das hatte ich für eine Kollegin angeschafft, mit der ich eine heimliche Affäre hatte. Sie hat es im Auto versteckt und wir konnten uns absprechen, ohne dass es ihr Mann mitbekommt.

Mobiltelefon Pocky mit Ladekabel für den Zigarettenanzünder, Alcatel SEL, 1989 

“Die Leute wollten nur im Auto telefonieren.”

Das war der Beginn von meinem zweiten Leben

Werner B. 

Anfang der 1990er Jahre wechselte Werner B. von der Technik in den Vertrieb. Das D-Netz war weniger wartungsintensiv und nach der Privatisierung baute die Telekom auch Stellen ab. Er nahm an einem Sonderprogramm teil und erhielt eine ausführliche Ausbildung in  Sachen Großkundenvertrieb und Verkaufspsychologie, von der er bis heute auch privat Vorteile hat.

Wir lernten uns in andere Menschen hineinzuversetzen.

Anfangs war er für die Geschäftskunden zuständig, die nach wie vor das C-Netz schätzten. Dann fiel die Entscheidung, das analoge C-Netz am 31. Dezember 2000 abzuschalten und alles auf das digitale D-Netz umzustellen.

Ich war bis zum bitteren Ende im C-Netz tätig. Das war mein Netz

Sämtliche Dienste waren im D-Netz integrierbar und es zeichnete sich schon damals ab, dass die digitale Welt eine immer größere Rolle spielen würde. Vorbote war die SMS, die es im analogen C-Netz nicht gab. Nur im D-Netz konnten die Kurznachrichten verschickt werden, die vor allem bei privaten Anwendern immer beliebter wurden. Auch für Werner B., der im Vertrieb immer die neuesten Geräte erhielt, um sie ausgiebig zu testen und dann an seine Kunden zu verkaufen. 

Wenn man es verkaufen will, muss man es kennen. Wir hatten natürlich dienstliche Geräte. Zusätzlich haben wir aber weitere Geräte bekommen. Oft hatte ich an die drei oder vier Geräte parallel, um sie bei den Kunden vorzuführen und Werbung zu machen.

An der Quelle sitzen 

Das ist eine Auswahl der Geräte, die Werner B. als Vorführgeräte genutzt hat. Persönlich haben sie ihn aber nicht überzeugt. Er hatte das Glück, dass er seine Handys und Smartphones ausgiebig testen konnte. Wenn ihm ein Gerät wirklich zusagte, hat er es auch im privaten Umfeld benutzt.

 

Der war mir zu komplex. Da hatte ich lieber den Papierkalender. Das war schneller.

Personal Digital Assistant Psion Revo Plus, 1999

Personal Digital Assistant Psion Revo Plus, 1999

Testweise kam Werner B. auch mit den technischen Vorläufern des Smartphones und den frühen Smartphones in Kontakt. Dieser Personal Digital Assistant (PDA) und auch das BlackBerry waren für seine Zwecke aber nicht direkt brauchbar. Er blieb deshalb vorerst beim „klassischen“ Handy, bis ihn das Smartphone schließlich überzeugte.

Das war die große Zeit der SMS für mich. Ich war in den Anfängen einer neuen Beziehung und wir haben uns hauptsächlich über SMS unterhalten. Meldet sie sich? Meldet sie sich nicht? Das war eine spannende Zeit.

Das war einfach praktisch und deutlich kleiner als die früheren Handys.

Personal Digital Assistant Psion Revo Plus, 1999

Mobiltelefon Sagem RD 750 Data, 1998

Kinderhandy B-Free Kids, Sagem, 1998

Kinderhandy B-Free Kids, Sagem, 1998

Es war eine Spielerei. Wirklich gebraucht haben wir das nicht.

Kinderhandys

Während des Handy-Booms entdeckten die Hersteller Ende der 1990er Jahre ein neues Marktsegment und entwickelten spezielle Kinderhandys. Bunte Tasten waren mit wichtigen Handynummern hinterlegt, damit den Eltern eine Verspätung angekündigt werden konnte oder die Notfallnummern einfach zu wählen waren. 

Damit konnte man die SMSen auch abspeichern.

Mobiltelefon Siemens ME45 mit SMS-Messenger T-D1 Messenger 500, 2001

Mobiltelefon Siemens ME45 mit SMS-Messenger T-D1 Messenger 500, 2001

SMS-Geflüster

Das Siemens ME45 war eines der ersten Handys, das einen internen Speicher hatte. Mehr als fünfzehn SMS ließen sich aber nicht abspeichern. Weil Werner B. alle Nachrichten, die er mit seiner damaligen Freundin austauschte, umfänglich archivieren wollte, nutzte er diesen SMS-Messenger, mit dem auch das Verfassen neuer Nachrichten bequemer war. 

Später habe ich die SMSen dann mit dem privaten Computerprogramm S25@once archiviert. Senden konnte man damit zwar auch, doch das war für mich zu umständlich. Aber die Nachrichten waren alle gespeichert – bis heute.

Screenshot SMS-Programm S25@once

Screenshot SMS-Programm S25@once

Screenshot SMS-Programm S25@once

Screenshot SMS-Programm S25@once

Personal Digital Assistant Psion Revo Plus, 1999

Mobiltelefon Siemens ME 45 mit Siemens MP3-Player und HomeStation, 2002

Mit der HomeStation konnte ich auch über das Festnetz mit dem Handy telefonieren.

Für das Siemens ME45 gab es verschiedene Zusatzgeräte. Werner B. hat den tragbaren Siemens MP3-Player genutzt, der eine 32 MB Multimedia Card hatte. Auch die HomeStation von Siemens hat er ausprobiert. Damals war im privaten Umfeld die „Home Zone“ aktuell. Am Ende hat er aber doch meist das schnurlose Telefon benutzt, weil das Handy zum Telefonieren immer in der Station stehen musste.

Das war eigentlich der Beginn des Smartphones. Der Anwendungsbereich der Handys ist immer umfangreicher geworden und das hat man dann in den nächsten Generationen integriert.

Und dann kam das Smartphone…

Der Internetbrowser ist für mich der entscheidende Vorteil. Auch ohne PC oder Zeitung kann man sich jederzeit Informationen besorgen. Das finde ich heute extrem wichtig.

Die ganzen Apps und Möglichkeiten! So etwas gab es vorher nicht. Das war völlig neu.

Smartphone T-Mobile SDA, HTC, 2004

„Die Größe. Das war ein Vorteil vom Smartphone. Man konnte sie in der Brusttasche tragen. Davor hat man sperrige Taschen oder Gürtel-Clips benutzt.“ 

Das SDA war das erste Handy, mit dem man etwas anfangen konnte.

Ein richtiges Smartphone war das noch nicht. Das ist ein Kunstbegriff, der im privaten Bereich erst später aufkam.

Smartphone T-Mobile SDA, HTC, 2004

Smartphone T-Mobile SDA, HTC, 2004

Windows für die Westentasche

Das T-Mobile SDA sieht auf den ersten Blick nicht wie ein Smartphone aus. Entscheidend waren aber seine „inneren Werte“. Denn das SDA war nämlich eines der ersten Handys mit einem Windows-Betriebssystem. Es ließ sich dadurch leicht mit einem PC verbinden und verfügte auch über ein E-Mail-Programm und einen Internet-Browser.

Smartphone iPhone (2G), 2007

Smartphone iPhone (2G), 2007

Es war das erst Handy, das ich in der Brusttasche getragen habe.

Der Riss! Das Bild sehe ich heute noch: Mit dem Fahrrad ankommen und bücken. Dann fällt das raus auf das Pflaster und hat einen Sprung.

  Erzähl mal!

Das erste iPhone

“So etwas hatte es vorher nicht gegeben”

Museum: Sie gehörten 2007 zu den Ersten, die ein iPhone benutzt haben. Wie war das für Sie? 

Werner B.: Am Anfang war ich skeptisch. Es war schon etwas gewöhnungsbedürftig, weil ich bis dahin ein Windows-Betriebssystem benutzt habe. Und dann kam da etwas ganz anderes. Das war ja damals ganz neu. Dann kam aber die Neugier und ich habe es ausprobiert. Die Skepsis hat sich dann gewandelt, weil es Sachen gab, die man vorher gar nicht kannte. 

 

Museum: Welche Sachen meinen Sie? 

Werner B.: Zum Beispiel das Telefonbuch als App oder den DB Navigator mit allen Fahrplänen. Auch das Internet-Radio. Das war ja alles neu. Ich habe auch die App Trails verwendet. Damit konnte man mit GPS seine Routen aufzeichnen und dann später auf einer Karte nachvollziehen, wo man überall war. Heute ist GPS gang und gäbe. Damals war das aber völlig neu. 

Museum: Haben sie mit dem iPhone auch noch andere Apps benutzt? 

Werner B.: Ja. Sleep Cycle habe ich ausprobiert. Das hat nachts aufgezeichnet, wann man schläft und wann man wach ist. So etwas hatte es früher nicht gegeben. Die Apps waren ein Quantensprung für die Funktionsfähigkeit. Und alle meistens unter einem Euro! Das hat Apple schon raffiniert gemacht. 

Mobiltelefon Nokia 6650, 2008

Mobiltelefon Nokia 6650, 2008 

Mobiltelefon Nokia 6650, 2008

Digitalkamera auf der Rückseite

Ich habe es benutzt, und habe auch damit gefilmt – gleichzeitig aber auch das iPhone weiter genutzt.

Man hat es gemacht, weil man konnte. Und es dann nie angeschaut.

Tango to go

Das Nokia 6650 hat auf der Rückseite eine 1,9 Megapixel-Kamera und galt seinerzeit als gute Kamera – auch für Videoaufnahmen. Werner B. nahm damit die Tanzschritte seines Tango-Tanzkurses auf, um sie dann als Übungsmittel zu nutzen. Angeschaut hat er den “Tanzkurs zum Mitnehmen” dann aber doch nicht. 

 

“Ein richtiger Postler trug früher Gürtel und Hosenträger

Smartphone HTC Mozart, 2010

Smartphone HTC Mozart, 2010

Das habe ich sehr, sehr gerne benutzt.

Smartphone Microsoft Lumina 640, 2015

Smartphone Microsoft Lumina 640, 2015

Ich bin traurig, dass sich das Windows-Betriebssystem nicht durchgesetzt hat.

Erzähl mal!

“Android ist für mich das Schlimmste!”

Detail WindowsPhone

Detail: Smartphone HTC Mozart, 2010 

Festeinbau iPhone 3G

Fahrzeugeinbau für Smartphone iPhone 3G, 2021 (Foto: Werner B.)

“Mein iPhone 3G von 2008 habe ich 2016 für mein Auto reaktiviert.”

Erzähl mal!

  Erzähl mal!

Kommunikation mit dem Smartphone 

“Das ist genial, um in Kontakt zu bleiben.”

Museum: Was hat sich durch das Smartphone für Sie verändert? 

Werner B.:  Mit dem Smartphone war die große Zeit der SMS vorbei. Ich habe dann mehr telefoniert, bin mittlerweile aber wieder zurück zum Text gekommen. Ich nutze vor allem WhatsApp. Wie das kam, kann ich mich gar nicht so erinnern. Es ist dann einfach zur Normalität geworden. 90 bis 95 Prozent läuft mittlerweile über WhatsApp und der Rest dann übers Telefon. Manche haben auch Signal, sodass man jetzt halt beides hat. Aber das meiste läuft über WhatsApp. Das ist genial, um in Kontakt zu bleiben. Und auch zur Absprache ist es sehr wichtig. Ich arbeite ehrenamtlich in einer etablierten Partei. Da ist die Kommunikation über das Smartphone sehr wichtig.

Museum: Schreiben Sie ausschließlich Textnachrichten oder versenden Sie zum Beispiel auch Bilder? 

Werner B.: Es wird alles Mögliche damit ausgetauscht. Dokumente, Zeitungsausschnitte und andere Informationen. Es ist eine Zeiterleichterung. Man kann es gleich als PDF fotografieren, zuschneiden und verschicken. Zusammen mit den Textnachrichten ist das heute der Hauptbestandteil der Kommunikation – und natürlich E-Mail. 

Museum: Schreiben Sie die E-Mails auch auf Ihrem Smartphone? 

Werner B.: Ja, wenn ich unterwegs bin. Und ich bekomme viele E-Mails. Das kommt also schon sehr häufig vor. 

Museum: Nutzen Sie Ihr Smartphone auch für Video-Chats? 

Werner B.: Das mache ich äußerst selten. Dafür nutze ich dann lieber den PC. Hintergrund ist: Das saugt den Akku so schnell leer. Und dann auch: Videochat ohne Kopfhörer ist eine Zumutung. Also deshalb: Videochat zu 99% am PC. 

Museum: Sie hatten von den vielen Funktionen der Apps auf dem ersten iPhone gesprochen. Welche Apps nutzen sie denn heute? 

Werner B.: Das war eher die Neugier am Anfang, weil die Apps interessant waren. Das Telefonbuch als App, die Fahrpläne der Bahn und das GPS. So was hat es vorher ja nicht gegeben. Aber das war nur die Neugierde. Heute sind es hauptsächlich der Kartendienst und das Navi. Die nutze ich vor allem in der Freizeit. Seit Corona bezahle ich auch fast alle mit dem Smartphone, mit Apple Pay

Museum: Nutzen Sie Ihr Smartphone dann vor allem zur Kommunikation? Oder auch als Informationsportal? 

Werner B.: Ich würde sogar sagen: Die Hauptanwendung meiner jetzigen Smartphones ist die Information. Also ich lese – in der Früh fängt es – mehrmals am Tag die verschiedenen Apps von Welt Online, Focus, Spiegel Online, Zeit und FAZ. Die gehe ich ein paarmal am Tag durch. Und das Wetter natürlich, also der Deutsche Wetterdienst. Das kommt momentan noch vor WhatsApp

Kommunikation ist für mich zwar wichtig, aber die Hauptanwendung ist für mich die Informationsbeschaffung. Man kann jederzeit – ob ich jetzt beim Arzt bin im Wartezimmer oder sonst irgendwo bin – Informationen besorgen. Sich umfassend zu informieren, finde ich in der heutigen Zeit extrem wichtig. Und zwar mit seriösen Zeitungen – und nicht auf Facebook oder so. 

Museum: Das klingt, als würden Sie viel Zeit am Smartphone verbringen. Haben Sie den Eindruck, dass Sie zu viel Zeit dafür aufwenden? 

Werner B.: Nein, denn ich habe viel Zeit. Ich schocke manchmal die Leute. Zum Beispiel beim Einkaufen, wenn ich sie an der Kasse vorlasse und sage: Ich habe Zeit. Da wird man dann angeschaut wie von einem anderen Stern: Wie, Sie haben Zeit?!? 

Museum: Und warum haben Sie so viel Zeit? 

Werner B.: Weil ich zehn Jahre geschenkt bekommen habe, durch die vorzeitige Pensionierung. Ich war Teil der 55er-Regelung bei der Telekom. Die Beamten haben sie mit 55 Jahren gerne in den Ruhestand geschickt, weil sie für das gleiche Geld zwei Junge einstellen konnten. Dadurch habe ich viel Zeit bekommen und kann stressfrei leben. Als Gegenleistung engagiere ich mich ehrenamtlich und gebe damit meinen Erfahrungsschatz in die Gesellschaft weiter.